Es war einmal…
Vor mehr als 10.000 Jahren haben einige sogenannte Rishis (Seher), die abgeschieden in Höhlen im Himalaya lebten, eine Anleitung für die Menschheit zusammengestellt, wie wir am Besten unser Leben leben. Diese Anleitung wurde erst mündlich weitergegeben und dann schriftlich in den Veden festgehalten. Übrigens das erste geschriebene Dokument der Menschheit. Dieses uralte Wissen ist die Basis für das uns heute bekannte Ayurveda und Yoga.
Yoga bedeutet so viel wie „Vereinigung“. Gemeint ist damit eine Vereinigung von Körper, Geist und Seele. Es geht darum eine Verbindung herzustellen, mit unserem tiefsten Inneren, unserem Kern, der reines Bewusstsein ist. Diese Verbindung mit dem reinem Bewusstsein wird auch als Verbindung mit „Gott“ verstanden. Was man auch immer als Gott definiert. Für den einen ist es Shiva, für den anderen der christliche Gott, oder Allah, für andere wiederum reine Energie. Yogis verstehen darunter die Weltseele – auch Brahman oder Atman genannt – es ist das universelle Prinzip, das alle Lebewesen verbindet und ihnen gemeinsam innewohnt. Gleich mal vorweg: Yoga ist keine Religion, sondern eine Philosophie! In der Philosophie (wörtlich „Liebe zur Weisheit“) wird versucht, die Welt und die menschliche Existenz zu deuten und zu verstehen. Yoga ist also eine Wissenschaft!
Das Wissen des Yoga wurde Generation für Generation mündlich und schriftlich weitergereicht. Bis vor über 2.500 Jahren Patanjali, der „Vater des Yoga“ einen Leitfaden für Yoga verfasste: das Yogasutra. Das Yogasutra besteht aus 196 Sanskrit-Versen, in denen in hochkonzentrierter Form die Essenz des Yogaweges zusammengefasst ist. Patanjali sammelte und systematisierte die existierenden Techniken und das Wissen seiner Zeit in diesem Werk. Das „Yoga Sutra“ ist der wichtigste Text des klassischen Yoga. Danach geht es im Yoga um die Reise nach innen, Yoga ist „das zur Ruhe bringen der Gedanken“. Erst mit einem ruhigen Geist kann die wahre Natur des Seins erkannt werden. Im Grunde geht es, darum bewusster zu sein. Was nicht heißt seinen Geist zu kontrollieren, sondern zu beobachten. Seinen Geist oder sein Leben zu kontrollieren funktioniert eh nicht. Sobald man anfängt zu kontrollieren, benutzt man seinen Geist, um seinen Geist zu kontrollieren. Was logischerweise Schwachsinn ist. Es geht also darum, achtsam zu sein, zu beobachten, in jeden Augenblick. Der Schlüssel zum Glück liegt in der Meditation. Die körperlichen Übungen des Yogas bereiten den Körper und Geist nur darauf vor lange sitzen (Körper) und achtsam (Geist) sein zu können. Dieses „Patanjali-Yoga“ oder Raja Yoga ist das meditativ orientierte Yoga, auch Ashtanga Yoga genannt: „Ashta“ steht für acht, „Anga“ für Glieder. Daneben gibt es noch 3 weiter Yogawege: Jnana Yoga (Yoga der Erkenntnis, intellektuelle Richtung), Karma-Yoga (Yoga der Tat, des selbstlosen Handelns), Bhakti Yoga (Yoga der Liebe, Hingabe an Gott).
Wir bleiben aber beim Patanjali-Yoga, dem Achtgliedrigen Yogaweg. Das Yogawissen wurde über Jahrhunderte unter den Weisen weitergegeben. Bis zu Krishnamacharya. Er bereiste den Himalaya um das Jahr 1916, um Yoga zu lernen. Dort traf er seinen Guru Brahmachari und verbrachte sieben Jahre bei ihm um Yoga zu studieren. Dieses Yoga-Wissen gab er ab 1933 in Mysore weiter. Zu seinen bekanntesten Schülern zählen K. Pattabhi Jois (Ashtanga Yoga), BNS Iyengar (Iyengar Yoga), Indra Devi, BKS Iyengar und sein Sohn TKV Desikachar (Vini Yoga). Die von diesen Meistern geprägten Yogastile stammen also alle aus einer Quelle. Ihre Vertreter waren nur zu unterschiedlichen Zeiten Schüler bei Krishnamacharya. Was im 20ten Jahrhundert geschah war, dass Yoga zum ersten Mal den Weg raus aus den Höhlen des Himalaya, weg von den „heiligen weisen Männern“ und Brahmanen hin zu den ganz normalen Menschen (aller Kasten) fand. Man musste plötzlich nicht mehr Eremit sein (oder Mann), sondern konnte ein ganz normales Leben mit Familie führen und „nebenbei“ Yoga praktizieren. Als dann zu der Hippizeit, die ersten Westler nach Indien kamen, Yoga entdeckten und zurück in den Westen mitnahmen, nahm der derzeitige Siegeszug des Yogas um die ganze Welt seinen Lauf.

Das Yogasutra, die Bibel des Yoga

Die Sutras beginnen mit Om. Om erschafft „Raum“ für was auch immer folgen mag. Om repräsentiert den Klang oder die Vibration des Universums. Es ist der Urklang. Das Wort „Om“ hat keine exakte Bedeutung, es geht allein um den Klang, der im Raum hallt und einen Zustand der Stille schafft… Es bringt dich in das Jetzt. Mein erstes laut gesungenes Om werde ich nie in meinem Leben vergessen. Das Gefühl des Klangs und der Vibrationen in meinem Körper haben mich umgehauen. Es war 2003 in einem VHS-Kurs in Augsburg. Damit begann meine Yogareise….

Was ist nun der Yogaweg? Wie schafft man es seine Gedanken zur Ruhe zu bringen? Patanjali beschreibt einen Weg aus acht Stufen, die aufeinander aufbauen:
1. Yama (Umgang mit anderen)
2. Niyama (Umgang mit sich selbst)
3. Asana (Position)
4. Pranayama (Atemkontrolle)
5. Pratyahara (Sinne nach innen ausrichten)
6. Dharana (Konzentration)
7. Dhyana (Meditation)
8. Samadhi (Selbsterfahrung)

Die ersten beiden Stufen Yama und Niyama können als die 10 Gebote des Lebens verstanden werden.

1. Glied: Yama (Umgang mit anderen)

Es geht hier um Moral und Ethik. Es gibt insgesamt 5 Yamas: Ahimsa (Gewaltlosigkeit), Ashteya (Nicht stehlen), Satya (Wahrhaftigkeit), Aparigraha (Nicht-Besitzen-Wollen) und Brahmacharya (Bewegung auf das Wesentliche hin)

Ahimsa = Gewaltlosigkeit

Gewaltlosigkeit bedeutet, dass man kein anderes Lebewesen, einschließlich sich selbst verletzen soll. Gewaltlosigkeit, meint aber mehr als nur die Abwesenheit von Gewalt. Unter Ahimsa versteht man auch Freundlichkeit, Zugewandtheit und Rücksichtnahme – einen wohlüberlegten Umgang mit allen Lebewesen und mit sich selbst. In Gedanken, Worten und Taten. Das bedeutet, nicht negativ über jemanden zu sprechen oder zu denken, da dies eine schädigende Wirkung für den Betroffenen und auch für den Negativ-Denkenden selbst haben würde.
 Auf Grund von Ahimsa sind viele Yogis auch Vegetarier.

Ashteya = Nicht stehlen

Nicht stehlen, bedeutet auch nichts zu nehmen, was einem nicht gehört (oder gegeben wurde). Dies bezieht sich nicht nur auf materielles, sondern auch auf geistiges Eigentum, zum Beispiel sich nicht mit fremden Federn zu schmücken

Satya = Wahrhaftigkeit

Gemeint ist, in Worten, Taten und Gedanken wahrhaftig zu sein und stets die Wahrheit zu sagen. Wahrhaftig sein bedeutet auch, sich nicht selbst zu belügen, sich selbst auch unangenehme Dinge einzugestehen, zum Beispiel wenn man einen Fehler gemacht hat. Doch nicht immer ist es im Sinne von Satya erstrebenswert, die Wahrheit zu sagen, denn sie könnte andere verletzen. Satya bedeutet, zu bedenken, was wir sagen, wie wir es sagen und auf welche Weise es jemanden treffen kann. Ein bewusster Umgang mit Worten also, und das bedeutet auch, dass es manchmal besser ist, zu schweigen. In einem tieferen Sinne bedeutet es auch einen bewussten Umgang mit Gedanken – denn der Gedanke ist die Wurzel der Worte.

Aparigraha = Nicht-Zugreifen / Nicht-Besitzen-Wollen

Gemeint ist, immer nur das anzunehmen, was angemessen ist, keine vermeintlich “günstigen” Gelegenheiten auszunutzen (Mitnahme-Mentalität) und keine anderen Menschen auszunutzen.

Brahmacharya = Bewegung auf das Wesentliche hin

Man sollte sein Leben und seine Beziehungen zu Menschen und Dingen so gestalten, dass sie seinem Streben nach Weisheit und seinem Verständnis der höchsten Weisheiten förderlich sind.

2. Glied: Niyama (Umgang mit sich selbst)

Es geht hier um Selbstdisziplin. Disziplin soll hier nicht im negativen Sinn verstanden werden, sondern vielmehr wie man seine Energien in die richtige Richtung lenkt. Es gibt 5 Niyama: Saucha (Reinheit), Santosha (Zufriedenheit), Tapas (Entgiftung), Swadhaya (Selbstreflexion) und Ishvara Pranidhana (Gottvertrauen).

Saucha = Sauberkeit und Reinheit

Es geht darum Körper und Geist „rein“ halten: also rein äußerlich tägliches baden, zähneputzen, etc. und innerlich durch tägliche Körperübungen den Körper zu entgiften, reines Essen zu essen, aber auch seine Gedanken und Handlungen „sauber und rein“ zu halten und dadurch eine Klarheit des Geistes zu schaffen. Dazu gehört z. B. auch genau auszuwählen, welche Bücher man liest, welche Filme man anschaut, welche Musik man hört, mit welchen Leuten man sich umgibt.

Santosha = Genügsamkeit, Zufriedenheit.

Oft haben Menschen bestimmte Erwartungen und dann sind sie enttäuscht, wenn es doch ganz anders kommt. Santosha bedeutet, anzunehmen, was sich ergeben hat, die Dinge so zu nehmen, wie sie eben sind. Santosha bedeutet auch, sich nicht mit anderen zu vergleichen.

Tapas = Selbstdisziplin und inneres Feuer

Gemeint ist, den Körper gesund und fit zu halten. Durch die täglichen Übungen wird der Körper entgiftet, d. h. es wird sich des “Abfalls” im Körper durch “Verbrennung” (Anfachung des inneren Feuers) entledigt. Als Abfall wird nicht nur z. B. Giftstoffe der Nahrung verstanden, sondern auch der ganze “Psychomüll” der verdrängt wird und sich ansammelt.

Swadhaya = Selbstreflexion

Das eigene Denken und Handeln soll beobachtet und kritisch hinterfragt werden, um so insgesamt bewusster zu werden. Ein weiterer Aspekt ist das “Studium der alten Texte”, denn gemäß der Lehre sollte man sich nicht immer um sich selbst drehen, sondern braucht Bezugspunkte: Das kann die Bibel sein, das Yoga-Sutra, die Bhagavad-Gita oder andere Überlieferungen und Texte mit spirituellem, philosophischem oder religiösem Hintergrund.

Ishvara Pranidhana = Hinwendung zu Gott / Gottvertrauen

Unter Gottvertrauen oder Urvertrauen versteht man, es genügt, zu wissen, dass man sein Bestes getan hat, den Rest kann man dann getrost in Gottes Hände legen oder dem Universum überlassen. Oft zweifeln Menschen, haben Ängste, fürchten sich vor der Zukunft: Ishvara Pranidhana bedeutet, sich von Ängsten und Zweifeln zu befreien und einfach zu wissen, dass das Universum es gut mit uns meint und den richtigen Weg weiß.
 Es ist die Hingabe zu zu Gott, dem Universum, dem Schöpfer, der Quelle, Allah, Jehovah,… Welchen Namen man auch immer verwendet, der für einem die Energie verkörpert, die größer ist, als man selbst. Du musst erkennen, dass was auch immer du tust, das Ergebnis nicht in deinen Händen liegt. Das ständige Bedürfnis, etwas tun zu müssen, ist komplett falsch und wird nur von unserem Ego geschaffen. Genau genommen sind wir nur ein Instrument der universellen Energie. Also besser wir befreien uns von dem Bedürfniss etwas tun zu müssen und genießen statt dessen die Show unseres Lebens. Wir können einfach beobachten, was auch immer passiert, wie einen Film, den man sich anschaut. Man sitzt gemütlich im Sessel, beobachtet und genießt die Vorführung, ohne darin verwickelt zu sein.

3. Glied: Asana (Übungen der Yogastellungen)

Jetzt erst sind wir bei den Körperübungen angelangt, die jeder vor Augen hat, wenn er von Yoga hört. Es geht bei den Körperübungen, den sogenannten Asanas darum den Körper gesund, fit und frei von angesammelten Giften zu halten.
Wenn wir von Yoga sprechen, fällt auch immer der Begriff Hatha Yoga. Hatha Yoga ist ein Überbegriff, der alle körperlichen Übungen des Yoga umschreibt. Darunter fallen Iyengar, Bikram, Sivananda, Kundalini, Ashtanga, Vinyasa Flow, etc… Die Liste kann fast täglich erweitert werden, da ständig neue Yogarichtungen entwickelt werden. Von entspannend bis dynamisch gibt es für jeden Geschmack mittlerweile etwas. Von all diesen Stilen ist Ashtanga Yoga, das älteste und dynamischte Yoga.
„Ha“ bedeutet Sonne und repräsentiert das männliche Prinzip von nach außen gehender Energie: feurig, dynamisch, Yang. „Tha“ bedeutet Mond and repräsentiert das weibliche Prinzip der nach innen gerichteten Energie: kühlend, passiv, Yin. Hatha Yoga bedeutet also „Vereinigung und Ausbalancieren der in uns wohnenden männlichen und weiblichen Energien.
Das Geheimnis hinter den Asanas ist, dass sie uns zeigen, wie man über das körperliche hinausgeht. Achtsamkeit ist dabei, das wichtigste Werkzeug, d. h. bringe deine Aufmerksamkeit immer darauf, was du gerade machst. Verwende alle deine Sinne darauf, dich aus den Kopf raus in den „jetzigen“ Moment zu bringen. Das ist die wahre Yogaübung. Yoga hört nicht nach 1 Stunde auf der Matte auf, sondern idealerweise behält man seine geschärfte Achtsamkeit den ganzen Tag weiterhin bei, um ständig präsent sein, in dem was man macht und dabei ist zu tun. Das interessante ist, was immer man auf der Matte macht, ist sehr wahrscheinlich ein Spiegel dafür, wie man sich auch im Leben verhält. Rast du durch die Übungen, wirst du wahrscheinlich auch durch dein Leben rasen. Oder übst du sehr ernst, vergleichst dich mit anderen, fühlst dich schlecht, wenn du eine Position nicht kannst, wird genau das wahrscheinlich auch auf alles andere in deinen Leben zutreffen. Bist du fröhlich, hast Spaß, fühlst dich leicht? Wirst du höchstwahrscheinlich auch mit Leichtigkeit durch dein Leben gehen. Die Schönheit des Yogas liegt darin, dass du irgendwann bemerkst die ganzen Asanas sind nur ein Spiegel und sie zeigen dir wohin du im Inneren schauen solltest!

4. – 8. Glied: Pranayama, Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi

Die nächsten Stufen des Yoga sind eher für die Fortgeschrittenen. Pranayama (Beherrschung des Atem) erlaubt dir Macht über deinen Geist zu haben. Der Geist bewegt sich mit dem Atem, der Atem mit dem Geist. Jeder kann das an sich selbst beobachten. Hat man Angst oder ist aufgeregt, wird der Atem schneller. Ist man entspannt atmet man langsam und tief. Sinnbildlich gesprochen ist Pranayama die Brücke zwischen Körper und Geist, die man durch die Konzentration auf den Atem überschreitet. Pratyahara, das nächste Glied bringt dich zum Tor, durch das man die Innenwelt betritt. Pratyahara ist ein „Sich-nach-Innen-Ausrichten“, Energie wird nach innen geleitet, anstatt im Außen verloren zu gehen. Dharana ist Konzentration, mit ihr hat man den Zugang zum Bewusstsein, denn sie lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Punkt wie ein Laserpointer. Hat man die bisherigen Stufen gemeistert kommt schließlich Dhyana (Meditation) wie von selbst. Dhyana ist die reine Beobachtung, bei der das menschliche Ego und seine Gedanken keine Rolle mehr spielen. Man erlebt einen Zustand der Zeitlosigkeit und der kosmischen Verbundenheit, was schließlich zum 8ten Glied in der Kette und zum Ziel im Yoga führt: Samadhi (Versenkung), die völlige Ruhe des Geistes. Dein Bewusstsein ist wie ein Tropfen, der mit dem unendlichen Ozean des universellen Bewusstseins verschmilzt.

Das ist Yoga!